Ohne Titel; amIreal; 2005

Immer lebendig

Eine liegende Pflanze mit Blüten, aus der Erde gerissen samt Wurzeln, die in feinen Gespinsten die weiße Bildfläche überziehen. Die Pflanze ist ein Fundstück des Künstlers. Ihrer absichtsvollen Entwurzelung folgt die fotografische Dokumentation unter Laborbedingungen, wie auf einem Seziertisch abgelegt. Der Blickwinkel der Kamera jedoch entspringt nicht wissenschaftlicher Nüchternheit, sondern bewundernder Neugier, wie das breite Hinlagern des Pflanzenkörpers über die Mitte des Bildausschnittes, die Perspektive von oben und die Nähe zum Objekt verraten. Die Bildwirkung ist monumental. Der Blütenstängel gehört zu einer Kleinstaude der Gattung der Dickblattgewächse und trägt dank ihrer Unverwüstlichkeit den verheißungsvollen Namen Sempervivum (lateinisch: immer lebendig). Ihr unermüdliches Wachstum ist Teil des allumfassenden Kreislaufs von Werden und Vergehen. Das Abbild der echten Pflanze wird zum Sinnbild des Lebensprinzips. Eine kontinuierliche Expansion dient der Überlebenssicherung. Selbst in unnatürlicher Umgebung garantiert die Produktion von Wurzelfäden das Überleben der Pflanze. Die zarten Fäden, man mag es ahnen, sind wohlkalkulierte digitale Zutaten des Künstlers. (Dr. S.Liehr)

Wissen um die Liebenden

Urform

Glasfasergewebe, von weißem Gummi überzogen, auf drei Bildträgern, die mit Salz bedeckt und mit halmartigen, versilberten Kupferdrähten versehen sind, deren von der Versilberung freigelegte Kupferpartien chemisch mit den Salzkristallen reagieren, so dass eine allmähliche grüne Verfärbung einsetzt. Die Bildung des Grünspan bleibt dem Zufall überlassen, natürliche Gesetzmäßigkeiten werden sichtbar und verweisen auf autonome Prozesse und Energien.

Objektkasten, darin eine biomorphe Haube aus Rohporzellan, aus der sich ein Bündel versilberter Kupferdrähte ergießt und mit weiteren Drähten zu einem Strang vereint, der aus der linken Seite heraustritt und in einzelne Drähte mündet, die in die Luft ragen oder am Gewebe Halt suchen und sich dort verankern. Der Grund des Kastens ist mit Salzkristallen bedeckt und verfärbt sich im direkten Kontakt mit den partiell vom Silber befreiten Kupferdrähten zunehmend Grün (Grünspan).

Der Kasten ist mit einem von weißem Gummi überzogenen Glasfasergewebe umkleidet und in der rechten Hälfte von einer schmal aufragenden Silhouette durchbrochen, deren nach oben geöffneten Arme gestisch die fühlerartigen Ausstülpungen der Haube variieren. Zwei Drähte umklammern von rechts den Kasten mit dem Gewebe und verbinden die Fehlstelle, die den Blick in die Tiefe freigibt. In der geschlitzten Formation erkennt man eine Hüterin aus der Werkgruppe der „Custodians“.

Die Kombination der verschiedenen Materialien wirkt wie eine Versuchsanordnung von energetischen Feldern, die in stetem Austausch kommunizieren. Der poetische Titel verklärt die surreale Konstellation. Die Liebe als wurzelartiger Energiestrom bleibt zwar unter einem Schleier verborgen, findet aber unaufhaltsam Auswege und neue Wirkungsfelder. Die Liebe bleibt eine treibende, universelle Kraft. (Dr. S.Liehr)

am I real, Wissen um die Liebenden II, 2003

Wachstumskraftfelder

am I real, X3, 2002
am I real, X9, 2002
am I real, X8, 2002

Zeichnungen auf Papier, das von Wachs fleckenartig getränkt ist, darauf rundausbuchtende Großformen, die wie Kraftfelder radiale Lineaturen aussenden. Feingliedrige Tusche- und Buntstiftlinien von organischen Formen und Strukturen, wie durch ein Mikroskop gesehen, lassen Assoziationen von Wachstum, aber auch Alterung entstehen.
Die Blätter sind herausgerissene Fragmente einer großen Zeichnung, die in einzelnen Ausschnitten weiter bearbeitet wurden. Sie setzen zeichnerisch Formen um, die in einigen Objekten des „amireal„-Zyklus wiederkehren (z. B. XIII). Die Zeichnungen sind eigenständig und unabhängig gewordene Puzzlestücke eines großen Ganzen. (Dr. S. Liehr)

Fluss des Strebens

am I real, XV, 2002

Drahtfäden mit Glaskügelchen ragen aus einem Wachsgrund. Auf Papier gedruckte graphische Notate und gelbe Farbspritzer auf Leinwand sind von Bienenwachs so überlagert, dass sie wie Spuren einer versunkenen Zeit blass durchschimmern.

Im Wechsel von Transparenz und Verdichtung erstarrt das Wachs in plastischer Erhebung oder verläuft wellenförmig. Die Oberfläche der mit Stearin bedeckten Leinwandpartien bildet ein Craquelé, aus dem kurze Drähte wie zarte, mit Sporen versehene Keimlinge sprießen. Je nach Beleuchtung und Perspektive erscheinen Wachs und Drahtfäden wie Wasser und Uferbewuchs (Watt).

Aggregatzustände von Fließen und Erstarren, Aufsteigen und Versinken, Werden und Vergehen werden anschaulich. Absichtsvoll kontrastieren die beiden unterschiedlichen Wachsarten. Während das weiße Stearin zu zerfallen droht, ankert das gelbe Bienenwachs unversehrt und durchzieht wie ein energetischer Strom elastisch und kraftvoll in der Diagonalen die gesamte Komposition. (Dr. S. Liehr)

am I real, XV, 2002

Expansionsprinzip 01

am I real

Auf hochrechteckigem Leinwandgrund erhebt sich ein wulstartig auskragendes Relief, aus Polyesterharz gegossen, aus dessen Mitte sich tentakelartige Fühler spreizen. An ihren Enden sind sie mit Drähten versehen, die teils in leichten Biegungen oder heftigen Krümmungen in den Raum hinausragen, teils mit Nägeln an die Wand fixiert und verortet sind.

Die schrundigen Furchen, die mit dem glatten Bildgrund kontrastieren, sind an den Schmalseiten ihrer länglichen Ausdehnung von einem noppenartigen Belag aus winzigen Glasperlen umfangen, die an schleimige Absonderungen, Laich, Samen  erinnern. Das archaische Lebensprinzip, das Wurzeln, Ausweiten, Gebähren, Befruchten, Keimen ist plastisch und raumgreifend ausgeformt. (Dr. S. Liehr)

am I real, ohne Titel, 2002, 550 x 150mm, Wandobjekt, Silikon, Draht

Urzeit

am I real, ohne Titel, 2002

Drahtfäden mit Glaskügelchen ragen aus einem Wachsgrund. Auf Papier gedruckte graphische Notate und gelbe Farbspritzer auf Leinwand sind von Bienenwachs so überlagert, dass sie wie Spuren einer versunkenen Zeit blass durchschimmern.

Im Wechsel von Transparenz und Verdichtung erstarrt das Wachs in plastischer Erhebung oder verläuft wellenförmig. Die Oberfläche der mit Stearin bedeckten Leinwandpartien bildet ein Craquelé, aus dem kurze Drähte wie zarte, mit Sporen versehene Keimlinge sprießen. Je nach Beleuchtung und Perspektive erscheinen Wachs und Drahtfäden wie Wasser und Uferbewuchs (Watt).

Aggregatzustände von Fließen und Erstarren, Aufsteigen und Versinken, Werden und Vergehen werden anschaulich. Absichtsvoll kontrastieren die beiden unterschiedlichen Wachsarten. Während das weiße Stearin zu zerfallen droht, ankert das gelbe Bienenwachs unversehrt und durchzieht wie ein energetischer Strom elastisch und kraftvoll in der Diagonalen die gesamte Komposition. (Dr. S. Liehr)

am I real, ohne Titel, 2002
am I real, ohne Titel, 2002
am I real, V, 2002
am I real, V, 2002

Eine aufgeplatzte runde Kapsel, aus Blei gegossen, sitzt auf der Leinwand und scheint sich aus ihr herauszudrehen. Der Farbgrund wirkt wie in Bewegung versetzt durch radial verlaufende Vertiefungen rings um das kugelige Objekt, aus dessen Schlund mit Glasperlen besetzte Drähte ragen. Lasierender blaufahler bis silbriger Farbauftrag, teils in Schlieren über pastos hellem Farbgrund. (Dr. S. Liehr)

am I real, II, 2002

Ein goldener Leinwandgrund ist von einer dünnen Acrylplatte überzogen, aus deren oberen Hälfte sich zottenähnliche Erhebungen ausstülpen samt Fühlern, die nach oben streben.

Der vermeintlich kostbare Goldgrund ist von Farbschlieren getrübt, die irisierend schillernde Acrylplatte ist angeschmolzen, deformiert. Die sich nach vorn stülpenden Zotten wurden bis zum Überlaufen mit Bienenwachs aufgefüllt, ein Veränderungsprozeß scheint eingefroren. (Dr. S. Liehr)

am I real, II, 2002

Mechanismen

am I real, ohne Titel, 2002

Die Leinwand ist mit Papier bezogen, das marmorierende Muster zeigt. Am oberen Bildrand sind einzelne Metallgewebestreifen in unterschiedlicher Länge befestigt, deren Enden mit Fäden verbunden sind. Die auf der Leinwand mit Widerhaken fixierten Fäden treffen sich am unteren Bildrand, bilden einen Strang und enden in einem Drahtknäuel. Die metallischen Streifen sind Überbleibsel eines vormals Ganzen, welches Zerstörung fand. Die unter dem Bild hängende Kugel besteht aus den zusammengeknüllten Resten. Die schwarzen Fäden sorgen für die Verbindung eines jeden Streifens zu seinem fehlenden Teil, sie stehen für die Verbindung über eine (Bild-Grenze hinweg zu etwas Verlorenem. Es entsteht der Eindruck, die Zerstörung theoretisch ungeschehen machen zu können, denn alles ist noch da, man müsste die Kugel nur entknüllen. Beim Anheben der Kugel streben die Metallgewebestreifen im Bild nach oben. (Dr. S. Liehr)

am I real, ohne Titel, 2002;
am I real

Die Leinwand ist mit Papier bezogen, das marmorierende Muster zeigt. Am oberen Bildrand sind einzelne Metallgewebestreifen in unterschiedlicher Länge befestigt, deren Enden mit Fäden verbunden sind. Die auf der Leinwand mit Widerhaken fixierten Fäden treffen sich am unteren Bildrand, bilden einen Strang und enden in einem Drahtknäuel. Die metallischen Streifen sind Überbleibsel eines vormals Ganzen, welches Zerstörung fand. Die unter dem Bild hängende Kugel besteht aus den zusammengeknüllten Resten. Die schwarzen Fäden sorgen für die Verbindung eines jeden Streifens zu seinem fehlenden Teil, sie stehen für die Verbindung über eine (Bild-Grenze hinweg zu etwas Verlorenem. Es entsteht der Eindruck, die Zerstörung theoretisch ungeschehen machen zu können, denn alles ist noch da, man müsste die Kugel nur entknüllen. Beim Anheben der Kugel streben die Metallgewebestreifen im Bild nach oben. (Dr. S. Liehr)

am I real green lake

tbart_illuDas Photo einer am Rechner grau eingefärbten Wasseroberfläche, um 180 Grad in die Senkrechte gedreht, ist auf eine hochrechteckige Leinwand geleimt. Eine Rahmung aus durchsichtigen Plastikleisten umfängt ein weiteres Bild dieser Wasseroberfläche, grün gefärbt und auf durchsichtige Folie gedruckt. Die Folie und die beiden Querstreben bewirken den räumlichen Blick durch ein dreigeteiltes Fenster. Gleich einem Balg kann das oben fixierte Metallgewebe durch das Ziehen an zwei Fäden bewegt werden, wodurch ein Moiré-Effekt erzielt wird. Die grüne durchsichtige Wasseroberfläche nähert und entfernt sich von der grauen, wirft Schatten und grün gefärbtes Licht. Das Spiel mit der Wahrnehmung wird pointiert.  Der manipulierbare  Blick auf das Wasser als Urgrund allen Lebens offeriert dem Betrachter eine aktive und passive Rolle. Der Anblick einer spiegelnden Wasseroberfläche führt zu einem Zustand des Versunkensein, einem meditativen Stadium zwischen Wachen und Schlafen. Mit dem Ziehen am Holzgriff kann gewissermaßen eine Maschine zur Erzeugung des Nicht-Denkens in Gang gesetzt werden. (Dr. S. Liehr)

Keimzellen

am I real, VIII, 2002

Aus einer dreigeteilten, nach unten offenen Rahmung aus Pappe ergießen sich Wachsfelder, die mit Waben eines Hornissennestes (Fundstück), einzelnen Fäden und einem Nylonfadenknäuel angereichert sind, über die querformatige Leinwand. In der unteren Hälfte ist der Bildgrund mit Papier überzogen, bedruckt mit einer oktogonalen Netzstruktur. Über die gesamte Fläche ziehen Farbschlieren, die zwischen Weiß und Rot changieren und, mit Salzkristallen versehen, im Wechsel von Hell-Dunkel eine Schattenwirkung und räumliche Tiefe evozieren. Das Relief der Rahmung und der Waben ist in Kreide weißgetränkt und mit Wachs übergossen. Einzelne Acrylfäden enden vielgliedrig, mit roten Farbtupfen versehen, sie ragen wie energetisch aufgeladen aus der Bildfläche heraus. Das Prinzip des Wurzelns und des Expandierens im amorphen Raum wird thematisiert im wechselvollen Gegenüber von geordneten und chaotischen Strukturen. (Dr. S. Liehr)

Großes Rosa

Big Pink

Auf einer großen Leinwand greifen in Reihe geordnete aus Draht geflochtene Abstandhalter wiederum Fäden und Drähte auf, die sich nach oben ihren Weg aus dem Bildträger hinaus in den Raum suchen und mit Wand und Raumdecke verankern. Am unteren Rand des Bildes sind Hornissenwaben angebracht aus denen durchsichtige Acrylstümpfe ragen. im rechten Drittel des Bildes hängen teilweise mit dem Malgrund verklebt Acrylsehnen.

Aus dem anderen Bildrand fallen schwarze Zwirnsfäden zu Boden.

Übergang

Vier dünne Bleiplatten sind in der Breite der Leinwand so nebeneinander positioniert, dass ihr Relief eine horizontale Bänderung bildet und sogleich eine räumliche Lesbarkeit intendiert. Im Vordergrund bewirken schummrige, unscharfe Farbverläufe und digital erstellte blaue Schraffuren den Eindruck einer Wasserspiegelung. Aus der metallischen, nach oben ausgerissenen und perforierten Uferbewehrung winden sich wie Schößlinge zarte Drähte mit tropfenförmigen Köpfen. Die Formation der blauen Drähte am unteren Bildrand konterkariert das Motiv des Wachstums. Das Blei kann ob seiner Dichte als Trennung und Grenze zwischen zwei Ebenen verstanden werden. Die Schößlinge scheinen diese Schranke durchdringen zu können. Die Schraffuren ähneln Wurzeln oder alten Wurzelspuren, die an der Bleiwand enden. Ein ursprünglicher Aspekt dieses Werkes ist die Grenzfindung, der Übergang zwischen Leben und Tod, Rationalem und Metaphysischem. (Dr. S. Liehr)

Landschaften

am I real, VII, 2002

Bild in quadratischem Format auf Leinwand, in horizontaler Gewichtung landschaftlich lesbar. Dunkelgrüne Farbzonen rahmen eine grüne Farbfläche und suggerieren den Blick auf einen See, um den es zu brodeln scheint. Vier mit Linienstrukturen bedruckte und grün kolorierte Streifen aus Pappe markieren das untere Bilddrittel, eingebettet in pastosem Farbauftrag. Auch dieses Bild ist mit weißem Reinpigment bestäubt, wodurch der Effekt sgraffitoartiger Spuren von Turbulenzen und Verwirbelungen entsteht. (Dr. S. Liehr)

am I real IX

Bild in quadratischem Format auf Leinwand, in horizontaler Gewichtung landschaftlich lesbar. Ein zwischen lichtem Grün und Weiß changierender diffuser, mit Papier und Zwirnfäden angereicherter Malfond wird von parallel gesetzten Lineaturen so strukturiert, dass der Eindruck einer Feldflur entsteht. Im Hintergrund, fast gänzlich von Farbe bedeckt, schimmert die formatfüllende Abbildung von Pilzlamellen durch, deren Graphik sich im gestickten Zwirn wiederholt. In allen Vertiefungen liegt, wie Puder, Titanweißpigment.  (Dr. S. Liehr)

Nirvana

am I real, ohne Titel, 2002,

Auf der unteren Hälfte einer Leinwand, leicht aus der Mitte gerückt, formiert sich ein Relief aus Papierstreifen zu einem fragilen Gitter. Das Motiv der Reihung gleicher Formen findet in der oberen Bildhälfte ein Echo. In perspektivischer Verkürzung erscheinen Umrisse wie Gräber auf einem Friedhofsfeld, oder Brutkammern. In jeder Kammer des Gitters steckt eine aus Plastillin geformte Kugel, deren grab- oder brutkammerartige Anordnung graphisch bis zum unteren Bildrand fortgeführt wird. Die lapidare, wie auf einen Rechenblock notierte Gleichung „1 Fach = 1 Mensch“ und die daraus folgenden hypothetischen Berechnungen zur benötigten Flächen- und Raumausdehnung lassen erschaudern. Gleichwohl bleibt die Frage nach dem was bleibt, wenn man stirbt. Die Wände einer jeden Kammer können auch als Körper oder Hülle verstanden werden, die Plastilinkugeln als formbare Substanz, als Inhalt. Die Trennung von Körper und Geist/Seele als plastisches Modell für eine utopische Berechnung: wollte man für jeden existierenden Menschen stellvertretend ein Kästchen der konstruierten Größe bereitstellen, müsste das Feld 6000 Quadratkilometer groß sein. Die Idee des Kastens ohne Boden beinhaltet aber auch die theoretische Möglichkeit der Entfernung des selbigen. Dann lägen die stellvertretenden Plastilinkügelchen frei, könnten sich zu einer großen Kugel vereinen, die dann wiederum nichts anders wäre, als vormals die kleinen einzelnen… (Dr. S. Liehr)